Das Vogelhaus – Eine Biografie

Eva Meijer:
Das Vogelhaus
Taschenbuchausgabe, btb Verlag, München, 2020
ISBN: 978-3-442-71626-5

Das Vogelhaus von Eva Meijer skizziert das Leben, Wirken und Forschen von Gwendolen „Len“ Howard in Form eines Romans, in dem Fakten und Fiktion verschwimmen. Len Howard war eine britische Musikerin, die sich zeit ihres Lebens mit der Erforschung von Vögeln – besonders Kohlmeisen – befasste. Sie wurde vermutlich 1894 geboren und spielte etwa 20 Jahre Geige in einem Londoner Orchester, bevor sie um 1938 ein kleines Haus in Ditchling südlich von London kaufte und bezog. Dieses Haus nannte sie Bird Cottage – und das war es auch: ein Häuschen für Vögel. Fenster und Türen standen den Vögeln der Umgebung die meiste Zeit offen, im Garten standen ein täglich neu gefüllter Futtertisch, eine Vogeltränke und mehrere Nistkästen und in den Wohnräumen fanden sich zahlreiche Schlafplätze für Kohlmeisen, Rotkehlchen, Sperlinge und andere Vögel aus Len Howards Garten. Sie lebte mit den Vögeln zusammen, baute Vertrauen auf, beobachtete ihre Gewohnheiten und Charaktereigenschaften und erkannte ihre Individualität und Intelligenz – ganz ohne naturwissenschaftliche Ausbildung und vor allem ganz ohne Laborversuche, die sie zeitlebens ablehnte:

„Die Kohlmeisen lernten mich kennen, und auch wenn meine Gegenwart ihr Verhalten manchmal beeinflusste […], lebten sie ihr Leben größtenteils wie gewohnt weiter. Das erlaubte es mir, nicht nur ihr Verhalten, sondern auch ihre Beziehungen untereinander aus nächster Nähe zu studieren. So wurden mir bestimmt vierzig Kohlmeisen gut vertraut, die alle ihre jeweils eigenen Vorlieben und Wünsche hatten. Die Vögel selbst lehrten mich, dass individuelle Intelligenz für ihr Verhalten und ihre Entscheidungen eine weit größere Rolle spielte als biologische Neigungen oder das, was Wissenschaftler ‚Instinkt‘ nennen.“

S. 23

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Len Howard eine bemerkenswerte, aber leider in Vergessenheit geratene Naturforscherin und Vogelkundlerin war, die zwei Bücher und zahlreiche Zeitungsberichte über „ihre“ Vögel verfasste, bis sie im Jahr 1973 verstarb. Sie war besonders, doch ihr Talent und ihre Hingabe für die Vögel wurden leider verkannt, ebenso wie ihre Erkenntnisse wegen angeblicher Nichtwissenschaftlichkeit:

„Das Buch von Konrad Lorenz, in dem er sein Zusammenleben mit verschiedensten Tieren beschreibt, wird viel ernster genommen, wahrscheinlich weil er eine entsprechende Ausbildung gemacht hat, wissenschaftliche Artikel schreibt, ein Mann ist. Dabei sind seine Beobachtungen weit weniger originell als meine. Überdies haben sich die Vögel hier aus freien Stücken entschieden, bei mir zu wohnen, während Lorenz seine Tiere selbst aufzieht und damit ihr Verhalten beeinflusst. Das ist ein ganz anderer Ansatz.“

S. 261

Eva Meijers Roman zeichnet allerdings nicht nur das Leben der Len Howard nach, sondern in wechselnden Kapiteln auch das von Sternchen. Sternchen war laut (Roman-)Len „die klügste Kohlmeise, die ich je kennenlernen durfte, und die, zu der ich die engste Beziehung entwickelte“ (S. 25). Mir scheint, als seien diese eingeschobenen Kapitel über Sternchen von Len Howard selbst geschrieben, sicher bin ich mir allerdings nicht.

Der Roman ist mitreißend und fesselnd geschrieben – auch wenn es mich zwischenzeitlich etwas irritiert hat, dass das Vogelhaus erst nach knapp zwei Dritteln des Buches bezogen wird. So können die Leser*innen allerdings zunächst einen Einblick in die erste Hälfte von Len Howards Leben als Kind, Jugendliche und Violinistin erhalten, in der Vögel selbstverständlich nicht zu kurz kommen. Darüber hinaus werden immer wieder Anspielungen und Anekdoten aufgenommen, die auch verschiedene soziale Bewegungen freuen sollten: So verteilt Len Howard im Roman beispielsweise „Blättchen“ der Suffragetten vor dem Holloway-Gefängnis (S.102), in dem Anfang des 20. Jahrhunderts tatsächlich Suffragetten inhaftiert waren; oder sie besucht eine Bronze eines alten Hundes im Battersea Park – wenn auch zeitlich nicht passend, vielleicht dennoch eine Anspielung auf die Brown Dog Riots? Zudem werden Tierversuche und insbesondere Experimente der Ethologie immer wieder kritisiert – mal im eigentlichen Roman, mal in den Ausführungen zu Sternchen –, beispielsweise so:

„Der Behaviorismus berücksichtigt freilich kaum, dass sich viele Tiere in Gefangenschaft anders verhalten als in Freiheit. Die meisten Vögel sind von Natur aus scheu, ja haben oft sogar Angst vor Menschen, und wenn sie in Laboren gehalten werden, dürfte das ihr Verhalten und somit die Untersuchungsergebnisse beeinflussen. Darüber hinaus dürften Untersuchungen von messbaren Reaktionen, die davon ausgehen, dass die Gedanken und Gefühle von Tieren nicht erforschbar seien, Resultate liefern, die genau diese These bestätigen. Betrachtet man jemanden als Maschine, wird sich das in den Untersuchungsfragen widerspiegeln […]“

S. 13 f.

Oder so, wenn es um die Konditionierung von Tauben geht:

„[…] meiner Meinung nach ist es nicht nur moralisch, sondern auch wissenschaftlich falsch, Vögel im Labor zu erforschen. Da verhalten sie sich anders. Die Vögel bei uns zu Hause waren viel klüger, als es diese Art von Untersuchungen nahelegen.“

S. 156

So erhalten Lesende auch Einblick in die Arbeitsweisen der Verhaltensbiologie – und bekommen zugleich auch Behaviorismus und Anthropomorphismus erklärt. Da Fakten und Fiktion im Roman untrennbar miteinander verschwimmen, lässt sich allerdings nicht genau sagen, was hier von Len Howard selbst kommt und was Eva Meijers Gedankenwelt entsprungen ist. Dazu wäre vielleicht eine Kurzbiografie wünschenswert gewesen, die die wichtigsten Fakten zu Len Howards Leben – von denen es nicht viele zu geben scheint – zusammenfasst. Dennoch ist Das Vogelhaus ein gut geschriebener und spannender Roman, den ich nur empfehlen kann.

Übrigens: Im gleichen Verlag erschien bereits 2019 ein Buch von Eva Meijer: Was Tiere wirklich wollen – Eine Streitschrift über politische Tiere und tierische Politik. Dieser Essay in Buchform ist – im Gegensatz zum Roman – eine recht theoretische Abhandlung und ein Plädoyer für ein radikales Überdenken unserer Mensch-Tier-Beziehungen. Mit Bezugnahme auf Die Sprachen der Tiere diskutiert Eva Meijer hier, wie wir vom Tierrechtskonzept zu einer Tierpolitik kommen und warum dies aus ihrer Sicht dringend notwendig ist. Ihr Ausblick: mehrartige Gemeinschaften, die neue Richtungen einschlagen und ein völlig neues Mensch-Tier-Verhältnis hervorbringen könnten. Len Howard findet in diesem Buch wie selbstverständlich auch ihren Platz. Auch dieses Buch kann allen Interessierten sehr ans Herz gelegt werden. Es ist auch für Einsteiger*innen dieses Theoriegebildes sehr gut zu lesen, lädt immer wieder auch zum Schmunzeln ein und regt definitiv zum Nachdenken an – auch über die ein oder andere Annahme, die sich schon lange in der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung hält. Die Übersetzung hätte hier und da etwas besser sein können (z.B. „tierlich“ statt „tierisch“), doch das schadet dem Buch keineswegs.

Eva Meijer:
Was Tiere wirklich wollen – Eine Streitschrift über politische Tiere und tierische Politik
btb Verlag, München, 2019
ISBN: 978-3-442-75812-8