Ein Rundgang der etwas anderen Art: Geschichte der vegetarischen Bewegung in Wien

Birgit Pack:
Ins Gras gebissen – Vegetariergräber am Zentralfriedhof (Wien)
Audioguide, Wien, 2019
HIER downloadbar für 3,99 €

Eine Rezension zu Birgit Pack’s Audioguide Ins Gras gebissen zu Gräbern von Vegetarier*innen auf dem Wiener Zentralfriedhof von Tom Zimmermann

Die Wiener Historikerin* Birgit Pack führt in ihrem Audio-Guide Ins Gras gebissen zu ausgewählten Gräbern von Vertreter*innen der vegetarischen Bewegung in Wien auf dem Wiener Zentralfriedhof. In insgesamt elf Stationen werden Personen der früheren vegetarischen und Tierschutzbewegung in Wien an ihren Gräbern vorgestellt. Jede Person steht dabei stellvertretend für einen Themenkomplex der vegetarischen Bewegung um 1900.

„Willkommen am Wiener Zentralfriedhof“, so begrüßt Birgit Pack die Zuhörenden. Bevor der eigentliche Rundgang zu den Gräbern von Vegetarier*innen beginnt, gibt Birgit einen Einblick in die über 140-jährige Geschichte des Friedhofs. Eingebettet wird dies in die allgemeinere Diskussion rund um Hygiene und Friedhöfe im späten 19. Jahrhundert. Der Wiener Zentralfriedhof, so erfahren wir es an der ersten Station des Rundgangs, wurde überkonfessionell geplant und besteht bis heute in kommunaler Trägerschaft. Ebenso erfahren wir, dass der Friedhof aufgrund seiner Lage bei den Wiener*innen der Zeit auf wenig Zustimmung stieß. Um diesen Zustand zu ändern, beschloss die Stadt Wien sogenannte Ehrengräber einzurichten. Diese – vor allem für bedeutende Wiener*innen gestifteten – Gräber führen uns auch zur zweiten Station des Audioguides.

Die zweite Station des Rundgangs führt zum Grab von Adolf Lehmann. Er war kein Vegetarier, jedoch verdanken wir ihm viele Informationen über die vegetarische Bewegung Wiens um 1900. Er hat den sog. Lehmann herausgegeben. Der Lehmann versammelte Adressen von Behörden, Geschäften und auch Privatpersonen. Ab 1886, so erfahren wir im Rundgang, gab das Branchenverzeichnis Einblick in die vegetarische Infrastruktur Wiens der Zeit, Speisehäuser und später auch Reformhäuser, die eine vegetarische Lebensweise für Wiener Vegetarier*innen erleichterten. Die Recherche von Birgit Pack im Lehmann zeigt, dass es in Wien Restaurants gab, die langfristig (15 Jahre) und solche, die nur kurzfristig Bestand hatten. Eines der Restaurants war das des Ehepaars Ramharter. Dieses Ehepaar begann zunächst, vegetarische Mittagstische in der eigenen Bäckerei anzubieten und eröffnete später seine „Vegetarische Restauration“. Im Lehmann ist auch ein erster, kleiner Boom der vegetarischen Lebensweise in Wien um 1900 auszumachen, so Birgit im Audioguide. Einigen der bereits in der zweiten Station erwähnten Personen begegnen wir im weiteren Verlauf des Rundgangs noch einmal.

Die dritte Station führt uns jedoch zu einem anderen Vertreter der vegetarischen Bewegung Wiens: Hugo Wolf. Hugo Wolf war Komponist und Musikkritiker in Wien. Er steht stellvertretend für einige weitere Musiker*innen, die um 1900 zu Vegetarier*innen wurden. Über seine Motivation zur vegetarischen Lebensweise ist zwar nichts überliefert, möglicherweise wurde er aber, wie andere Musiker*innen seiner Zeit, durch Richard Wagner zum Vegetarismus inspiriert. Birgit Pack ordnet das Phänomen des „Wagnerianismus“ historisch ein und vergisst dabei nicht, auf Wagners antisemitische Tendenzen einzugehen. Einige Anekdoten aus dem Leben Hugo Wolfs werden an dieser Stell vorgestellt. Dabei werden seine Schwierigkeiten in der praktischen Ausübung der vegetarischen Lebensweise ebenso thematisiert wie seine Einbindung in das bürgerliche Netzwerk Wiens seiner Zeit.

Die vierte Station des Audioguides führt wiederum zu einem sogenannten Ehrengrab, dem der Emilie Mataja. Auch die vierte Station des Rundgangs mag auf den ersten Blick verwundern, war Emilie Mataja (Pseudonym: Emil Marriot) doch keine Vegetarierin*. Nach Birgit Pack sprechen jedoch gleich drei Gründe für die Integration des Ehrengrabs der Schriftstellerin* in den Audioguide: 1. die Frage nach den Vegetarierinnen*, 2. das Verhältnis von Vegetarismus und Tierschutz und 3. eine (klischeehafte) Darstellung eines Vegetariers* in einer ihrer Schriften. Birgit stellt an dieser Stelle heraus, dass es in Österreich – im Gegensatz zu England – kaum Überschneidungen zwischen der Frauenwahlrechts- und der vegetarischen Bewegung gab. Ausnahmen bestätigen hier wohl eher die Regel. Ein wenig anders sah dies in der Tierschutzbewegung aus, wobei auch hier nie das Niveau Englands erreicht werden konnte. In der Tierschutzbewegung waren mehr Frauen* vertreten als in der vegetarischen Bewegung. So war Mataja beispielsweise aktiv im Wiener Tierschutzverein und publizierte in dessen Organ Der Tierfreund. Die Verbindungen zwischen Tierschutz- und vegetarischer Bewegung waren in Österreich ebenfalls eher eine Ausnahme, zumindest auf organisierter Ebene. Das Bild eines ausgemergelten und missionierenden Vegetariers nutzte Mataja für eine ihrer Erzählungen. Die Zeitgenoss*innen könnten sich möglicherweise an Karl-Wilhelm Diefenbach erinnert haben. Diefenbach versuchte einige Jahre, in der Nähe von Wien eine vegetarische Kommune aufzubauen. Einer anderen Person, die möglicherweise Vorbild für die Darstellung Matajas gewesen sein könnte, ist die fünfte Station des Rundgangs gewidmet.

An den ehemaligen Armengräbern wird die Biografie Ferdinand Herbers thematisiert, der Selbstmord beging. Welche Fragestellungen aus dieser Situation für seine Beerdigung auf dem Zentralfriedhof folgten, erfahren wir an dieser Station ebenso wie seine Beweggründe für den Vegetarismus. Er dient dabei als Beispiel für die Vegetarier*innen, die sich vorrangig aus gesundheitlichen Gründen fleischlos ernährten. Weiterhin wird an dieser Stelle das Klischee des weltfremden Vegetariers* von Birgit Pack thematisiert.

An der nächsten Station ist das Grab des Ehepaars Ramharter Thema und damit die vegetarische Infrastruktur Wiens um 1900. Die Eheleute Karl und Magdalena Ramharter waren zentrale Figuren des vegetarischen Netzwerks in Wien um 1900. Das Bäckerpaar, welches sich durch ein Brot in der Lebensreformbewegung einen Namen gemacht hatte, bot zunächst ein vegetarisches Mittagsmenu in ihrer Bäckerei an. Ein wenig später entschlossen sie sich, ein eigenes vegetarisches Restaurant zu eröffnen. Typisch für ein vegetarisches Restaurant dieser Zeit wurde kein Alkohol ausgeschenkt. Neben dem vegetarischen Speisenangebot war das Restaurant auch ein Ort, an dem sich die organisierten Vegetarier*innen Wiens trafen. Erhalten ist das Grab des Ehepaars, da es den Platz „auf Friedhofsdauer“ erworben hatte – neben den Informationen zur vegetarischen Infrastruktur der Zeit erfahren wir im Audioguide auch zu diesem Sachverhalt mehr.

Auch die nächste Station ist der vegetarischen Infrastruktur gewidmet, genauer gesagt den Reformhäusern. Beispielhaft hierfür steht das Ehepaar Schmall. Josef Schmall, der aus gesundheitlichen Gründen Vegetarier geworden war, beschrieb, so Birgit, seine eigene Umstellung auf vegetarische Kost aus unterschiedlichsten Gründen als schwierig. Er benötigte viele Informationen und den Austausch mit anderen Vegetarier*innen. Damit andere neue Vegetarier*innen es nicht so schwer haben sollten wie er, gründete er 1895 ein Reformhaus. Dieses führte neben vegetarischen Lebensmitteln auch Kleidung, Hygiene- und Kosmetikprodukte und weitere Alltagsgegenstände. Daneben konnten Kund*innen des Reformhauses auch ein Kochbuch des Ehepaars erwerben, wobei anzumerken ist, dass die Aufteilung der Arbeiten im Buch nach patriarchalen Mustern geschah. Maria Schmall steuerte die Rezepte bei, die Begründung für den Vegetarismus lieferte Josef. Die beiden Stationen zur vegetarischen Infrastruktur bilden im Rundgang den Abschluss des Vegetarismus im 19. Jahrhundert; die anschließenden Stationen gehen auf die 1930er Jahre ein.

Der nächste Halt des Rundgangs führt uns zum alten Jüdischen Friedhof. Die Geschichten des alten und neuen Jüdischen Friedhof Wiens werden an dieser Station einführend vorgestellt. Vor allem die Auswirkung der Zeit des Austro-Faschismus und der NS-Zeit sind bis heute auf den Jüdischen Friedhöfen sicht- und spürbar. Die Station dient vor allem als sensible Überleitung zum Verhältnis von vegetarischer Bewegung und Austro-Faschismus bzw. NS-Regime. Beispielhaft für den Umgang vieler Vegetarier-Vereine mit jüdischen Mitgliedern während dieser Zeit ist Max Grossmann. Max Grossmann war Mitglied des 1877 gegründeten Wiener Vegetarier-Vereins. Aufgrund der rasseideologischen Ausrichtung und Umsetzung des Vereinsrechts, bereits kurz nach dem sogenannten Anschluss Österreichs, wurde Maximilian Grossmann aus dem Verein ausgeschlossen. Allgemein schienen sich die vegetarischen Vereine, die nicht aufgelöst wurden (aus politischen oder organisatorischen Gründen) oder sich selbst auflösten, gut mit dem NS-Regime zu arrangieren.

Die nächste Station thematisiert eine für die Lebensreform wichtige Art der Bestattung. Es handelt sich um die Feuerbestattung. Symbolisch und materiell steht die „Feuerhalle“ für den Diskurs rund um Feuerbestattung, in den Birgit an dieser Stelle einführt. Neben Lebenreformer*innen setzten sich auch Sozialdemokrat*innen für diese Form der Bestattung ein. Dies führt zur letzten Station des Rundgangs, den sozialdemokratischen Lebensreformer*innen. Beispielhaft hierfür steht im Audioguide Rudolf Schmola.

Schmola und der Verband Sozialistischer Lebensreformer stellten eine Ausnahme innerhalb der vegetarischen Bewegung dar. Viele Vegetarier*innen engagierten sich zwar „für die Sache“, aber nicht in Parteien oder parteinahen Organisationen. Umgekehrt beschäftigte auch der Vegetarismus diese Institutionen wenig. Schmola war Lehrer und eines der aktivsten Mitglieder des Verbands. Zu den Tätigkeiten des Verbands gehörten unter anderem regelmäßige Beratungsangebote in Sachen Ernährung und die Herausgabe eines vegetarischen Kochbuchs. Dieses ist auch so ziemlich das einzige Überbleibsel dieses Verbands. Schmola, der neben seinem Vegetarismus auch für die Feuerbestattung stritt, ließ sich einäschern. Sein Urnengrab war die letzte Station des Rundgangs zu den Gräbern von Wiener Vegetarier*innen auf dem Wiener Zentralfriedhof von Birgit Pack.

Mit dem Audioguide schafft Birgit Pack ein neues Medium der Geschichtskultur der vegetarischen Bewegung im deutschsprachigen Kulturraum. Ihr gelingt es, die Diskurse rund um Vegetarismus während des Rundgangs in andere Themengebiete einfließen zu lassen und umgekehrt. So lernt man nicht nur etwas über die Sozial- und Kulturgeschichte der vegetarischen Bewegung, sondern viel mehr. Die von Birgit Pack empfohlenen Musikstücke passen zum Rundgang, auch wenn ich persönlich wenig Klassik höre. Der Audioguide zeigt die verschiedensten Facetten der vegetarischen Bewegung und macht glücklicherweise auch nicht halt vor kritischen Themen, wie Geschlechterstruktur der Bewegung, Antisemitismus oder der Zeit während des NS-Regimes. Die Hintergrundgeräusche innerhalb des Audioguides empfinde ich weniger als störend, vielmehr täuschen sie doch ein wenig vor, dass man bei einem physischen Rundgang dabei ist. Dies ist vor allem angenehm, wenn eine Reise nach Wien und eine Teilnahme an einem Rundgang mit Birgit für die Hörenden aus unterschiedlichsten Gründen nicht möglich ist. Wer einen Einblick in die vegetarische Szene Wiens um 1900 haben möchte, 3,99€ ausgeben kann und nebenbei noch Informationen zu vielen weiteren Themengebieten haben möchte, dem_der sei Ins Gras gebissen wärmstens ans Herz gelegt.

Hinweis: Birgit Pack betreibt auch einen Blog zur Geschichte der vegetarischen Bewegung in Wien. Einige der Protagonist*innen des Audioguides finden dort auch in Blogbeiträgen Erwähnung.