Spurensuche: Lina Hähnle…

Hans-Werner Frohn / Jürgen Rosebrock (Hrsg.):
Spurensuche: Lina Hähnle und die demokratischen Wurzeln des Naturschutzes
Klartext Verlag, Essen, 2017
ISBN: 978-3-837-51871-9

Diese Rezension erschien erstmals im Juni 2018 im Magazin TIERBEFREIUNG, Ausgabe 99.

Wie nähert Mensch sich der Geschichte eines Verbandes, Vereins oder einer Bewegung, in der er_sie selbst aktiv ist? Welche Ergebnisse kann eine solche Spurensuche zu Tage tragen? Ein Beispiel für einen solchen Versuch bietet der im August 2017 beim Klartext Verlag erschienene Sammelband Spurensuche – Lina Hähnle und die demokratischen Wurzeln des Naturschutzes, herausgegeben von Hans-Werner Frohn und Jürgen Rosebrock.

Der Sammelband stellt in acht Beiträgen die Geschichte des deutschen Vogelschutzbundes – der Vorläuferorganisation des heutigen Naturschutzbund (NABU) – aus mehreren Perspektiven vor. Bereits in seinem Vorwort stellt Olaf Tschimpke, Präsident des NABU, die zentrale Rolle Lina Hähnles, der Gründerin des Vogelschutzbundes, für die Geschichte des eigenen Verbandes heraus. Auch auf den Hintergrund der entstehenden Umwelt-, Tier- und Vogelschutzbewegungen am Ende des 19. Jahrhunderts und die verschiedenen Motivationen geht Tschimpke bereits ein. Die Kontinuitäten dieser Motivationen, die sich in den heutigen Bewegungen für Umwelt- und Tierschutz wiederfinden lassen, bieten neben der Biografie Lina Hähnles und ihrer Familie einen weiteren Rahmen für die folgenden Beiträge des Bandes.

In ihrer Einführung gehen Hans-Werner Frohn und Jürgen Rosebrock Spuren demokratischer und sozialpartizipativer Ansätze im „deutschen Naturschutz bis 1970“ nach. Sie gehen auf die frühen Ansätze aus dem Ende des 19. Jahrhunderts ein und verorten diesen in einer Abgrenzungsbewegung zur industriellen und urbanen Entwicklung. Die Veränderungen innerhalb des Umgangs mit der Natur* führten auch zu einem anderen Bild dieser – Bedrohung weicht einem romantischeren Bild. Die unterschiedlichen Motivationen stellen auch Frohn und Rosebrock in ihrer Einführung heraus. Diese spiegeln sich in der frühen Naturschutzbewegung auch in den verschiedensten politischen Zielen ihrer Vertreter*innen wieder: Bis zum ersten Weltkrieg agierten sowohl völkische, rassistische oder reaktionäre Kräfte wie auch demokratische, sozialistische und progressive – sowohl im amtlichen als auch im verbandsmäßig organisierten Naturschutz. Dies änderte sich nach dem ersten Weltkrieg: „Während der verbandliche Naturschutz sich weiterhin noch durch eine gewisse Bandbreite auszeichnete, verengte sich der amtliche Naturschutz (vor allem, aber nicht nur in Preußen) zusehendes auf eine nationalistisch-völkische Ideologie“ (S. 10). Auch dass Naturschutz zumindest auf der ideologischen Agenda des Nationalsozialismus (NS) stand, thematisieren die Autor*innen. Die Offenheit eines Großteils der  Natur- und Umweltschutzbewegung gegenüber dem NS wird ebenso vorgestellt. Anschließend beschreiben die Autor*innen den Forschungsstand und die Forschungsgeschichte des Faches Umweltgeschichte. Sie stellen heraus, dass vor allem die reaktionären, nationalistischen, völkischen und autoritätsgläubigen Teile der Bewegung im Mittelpunkt dieser Forschungen standen. Dass jedoch auch die demokratischen Kräfte, die Naturschutz im Sinne der „Sozialen Frage“ sahen, tätig waren, stellt eine andere Perspektive der Umweltgeschichte dar. Dass diese noch beleuchtet werden muss, um ein größeres und vollständigeres Bild der frühen Naturschutzbewegung zu bekommen, stellen die Autor*innen heraus, verschweigen aber auch die Schwierigkeiten und Stolpersteine dieses Prozesses nicht: „Forschungen zur Naturschutzgeschichte müssen zwangsläufig auch deshalb im Fluss bleiben, weil viele Quellen bisher noch nicht gesichtet bzw. analysiert werden konnten und weil sich immer wieder neue Quellen erschließen können“ (S. 11).

Dieser Bearbeitung von zum Teil neugesichteten und bewerteten Quellen gehen die weiteren Beiträge nach. Friedrich Schmoll geht in seinem – ebenfalls einführenden – Beitrag „(Freie) Natur – soziale Utopie oder totalitäres Argument?“ der Vielschichtigkeit der frühen Naturschutzbewegung im Allgemeinen und des Vogelschutz im Besonderen nach. Auch er geht auf die Entwicklungen innerhalb der Naturschutzbewegung nach dem ersten Weltkrieg – die nahezu vollständige Homogenisierung der Naturschutzbewegung im nationalistischen Spektrum – ein. Doch Schmoll versucht auch, die Geschichten gegen den Strich zu lesen – die jeweiligen Akteur*innen werden in ihre gesellschaftlichen und politischen Sphären eingeordnet, was einen breiteren Blick auf die Geschichte der Vogelschutz- und Naturschutzbewegung ermöglicht. Die Ausgangs- und von Schmoll selbst als naiv bezeichnete Frage lautet für seinen Beitrag: „Wer kam denn wann aus welchen Gründen auf die Idee, Vögel zu schützen?“ (S. 24). Der Vogelschutz organisierte sich früher als die Naturschutzbewegung – somit finden sich auch frühere Begründungszusammenhänge. Die Nützlichkeit von Vögeln als „Schädlingsbekämpfer“ steht in der frühen Vogelschutzbewegung als Motiv im Mittelpunkt. Aus dieser Perspektive entwickelt sich die Idee von Freund- und Partnerschaft zwischen Mensch und Vogel. „Ergänzt werden diese zweckrationalen Auffassungen von Natur und Vogelwelt durch eine bürgerliche Gefühlskultur, in der nun Mitleid mit Tieren und ihre Wahrnehmung als leidensfähige Subjekte Verankerung findet. Zum Selbstbild des Bürgertums […] gehörte auch ein empathischer, >>humaner<< Umgang mit Tieren […]“ (S. 26). Im Folgenden beschreibt Schmoll die Entwicklungen innerhalb der Naturschutzbewegung – beispielsweise den sich entwickelnden Heimatschutz. Er zeigt jedoch auch „linke“, „sozialistische“ Positionen innerhalb der Debatte um Naturschutz auf. Unter anderem lässt er Karl Liebknecht ausführlich zu Wort kommen. Dieser ordnet den Schutz der Natur in den Kontext demokratischer und partizipativer Ansätze ein und verknüpft Naturschutz auch mit dem Zugang zu Natur* für die gesamte Bevölkerung.

Die Gründerin des Vogelschutzbundes Lina Hähnle steht im Mittelpunkt des Beitrags von Anna-Katharina Wöbse. Wöbse geht der Frage nach, wie Hähnle und der Vogelschutz in drei verschiedenen Gesellschaftssystemen agierten und sich auf diese einstellten. Hähnle, die den Bund für Vogelschutz 1899 gründete, agierte bis 1937 als dessen Vorsitzende und bis zu ihrem Todestag als Ehrenvorsitzende. „Ihr Engagement erstreckte sich folglich über vier Jahrzehnte und drei verschiedene politische Systeme: Kaiserreich, Weimarer Republik und Nationalsozialismus“ (S. 35). Lina Hähnle war eine zentrale Figur bei der Etablierung einer zivilgesellschaftlich orientierten Organisation innerhalb des frühen Naturschutzspektrums. Bemerkenswert an Hähnle erscheint auch die Öffnung „für beide Geschlechter“, „alle Schichten [und] Generationen“ (ebd.). Als Frau* mit einem „bürgerlich-liberalen“ Hintergrund „hatte sie von Demokratisierungsprozessen profitiert“ (ebd.) – beispielsweise bei der Nutzung des Vereinsrechts für ihre Ziele und Zwecke. Erstaunlich erscheint der Befund, dass sie den Bund bald nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialist*innen „systemkonform“ ausrichtete (ebd.). Einerseits passte „[d]ie Vogelmutter“ (S. 37) als Trägerin des Mutterkreuzes in das Propagandakonzept des NS-Naturschutzes, andererseits wurde Reinhold Hähnle, einer ihrer Söhne, 1940 von den Nazis im Rahmen der „Euthanasiepolitik“ ermordet. Mit dieser Ambivalenz im Hintergrund verweist Wöbse – wie auch die anderen Autor*innen – auf die schwierige und noch zu bearbeitende Quellenlage. Wöbse wirft in ihrem Beitrag verschiedenste Schlaglichter sowohl auf die Biografie Hähnles als auch auf die Entwicklungen, die sie beim Bund für Vogelschutz anschob. Sie nutzte für die Verbreitung von Kampagnen die zu ihrer Zeit modernsten Technologien: Zielgerichtet kombinierte sie Lobbyarbeit und Kampagnenarbeit vor Ort, sie netzwerkte unermüdlich und baute so einen der größten Vogelschutzvereine auf. Am Beispiel der Kampagne gegen das Tragen von Federn als Statussymbol zeigt sich genau diese Kombinationsgabe Hähnles. Ein großer Teil des Aufsatzes widmet sich der Zeit des Nationalsozialismus – Wöbse zeigt detailliert die Verstrickungen des Vogelschutzbundes mit dem NS und dem Verhalten Hähnles während dieser Zeit. Bis 1937 leitete sie den vom Reichsforstministerium als einzigen legitimen Vogelschutzakteur anerkannten Reichsvogelschutzbund. Von 1937 bis zu ihrem Tod im Jahr 1941 stand sie diesem als Ehrenvorsitzende bei. Wöbse schließt mit Fragen nach der möglichen Erinnerungskultur eines Verbandes wie des NABU im Besonderen und der Naturschutzbewegung im Allgemeinen. Das Beispiel Lina Hähnle macht es dabei scheinbar besonders schwierig, aber auch spannend, denn „[a]us der Retrospektive ist sie allerdings auch eine widersprüchliche und streckenweise erstaunlich schwer zu fassende Figur“ (S. 38).

Eine größere Perspektive nimmt Hansjörg Küster in seinem Beitrag zu „Lina Hähnle in den ‚Netzwerken‘ Württembergs“ ein. Er nimmt das Wirken Hähnles und ihres Mannes Hans in den Blick und untersucht dabei die Netzwerke, in denen sich beide engagierten. Dabei werden sowohl die politischen als auch die zivilgesellschaftlichen und religiösen Verwobenheiten der Hähnles und des Bundes für Vogelschutz beschrieben. Die politischen Knotenpunkte in diesem Netzwerk bildeten vor allem Parteien aus dem (links)liberalen Spektrum – wie beispielsweise Vorläuferorganisationen der Deutschen Volkspartei (DVP), wie Hans Hähnle einer angehörte. Weiterhin verband sie dieses Netzwerk mit Albert Knapp, evangelischer Geistlicher und Gründer des ersten deutschen Tierschutzvereins 1837. Neben Knapp führt Küster weitere Pfarrer und Geistliche auf, die sich für Tier-, Umwelt- und Vogelschutz engagierten. Dem Dichter Christian Wagner „aus Warmbronn, einem Dorf südwestlich von Stuttgart“ (S. 60) widmet Küster einen größeren Abschnitt, da er für die Netzwerktätigkeit Lina Hähnles ein gutes Beispiel abgibt. Der in bescheidenen Verhältnissen lebende Dichter engagierte sich auf lokaler Ebene für Tier- und Umweltschutz, war Mitglied im Bund für Vogelschutz und stand in Briefkontakt mit Lina Hähnle. Sie gewährte ihm im Jahr 1911 ein Stipendium für einen Italien-Aufenthalt, für den er sich äußert dankbar zeigte. Die Reise diente ihm noch Jahre als Inspiration für seine Werke (S. 60-62). Es folgt ein Abschnitt über die Verbindungen zu Robert Bosch als Beispiel für die Verbindung der Hähnles in den industriellen Bereich. Die Schlaglichter Küsters machen bereits deutlich, dass die Hähnles und der Bund für Vogelschutz ein wichtiger Knotenpunkt in den „württembergischen Netzwerken“ des Tier- und Umweltschutzes darstellten.

Jürgen Rosebrock geht in „Naturschutz, Politik und soziales Engagement“ auf „[e]in[en] Streifzug durch drei Generationen der Familie Hähnle“. Der Zugriff erfolgt an dieser Stelle über eine fragmentarische Darstellung einzelner Biografien, die sich zu Ansätzen einer Familienbiografie verdichten. Seinen „roten Faden bildet die Frage nach dem Zusammenspiel von Naturschutz, politischem und sozialem Engagement und ob sich daraus Rückschlüsse und Indizien für liberale und demokratische Bezugspunkte ergeben könnten“ (S. 68). Die kurzen Biografien beginnen mit Hans Hähnle, der Lina Hähnle im Jahr 1871 heiratete. Hans Hähnle war Fabrikant, gründete mit 20 Jahren die „Württembergische Wollfilzmanufaktur“ (die einzige ihrer Art in Deutschland) und verhalf damit seiner Heimatstadt Giengen zu einer rasanten Entwicklung. Laut Rosebrock gehörte Hähnle „zu den Unternehmern mit einem ausgeprägten sozialen Gewissen“ (S. 68). Dies zeigte sich unter anderem in der Bereitstellung von günstigem Wohnraum für die Arbeiter*innen der Fabrik oder der Einrichtung einer Kinderkrippe für die Giengener Bevölkerung. Die Schaffung dieser Einrichtung darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die Fabrikarbeiter*innen in Giengen „keine paradiesischen“ (S. 73) Zustände vorfanden, worauf auch Rosebrock deutlich verweist. Auch das (partei)politische Engagement von Hans Hähnle wird aufgegriffen. Er war Mitglied der DVP, einem Sammelbecken linksliberaler und demokratischer Kräfte nach den Revolutionsversuchen 1848.  Er war mehrfach Kandidat und auch Mitglied des Reichstages sowie der zweiten Kammer des Württembergischen Landtags. Auch seine Rolle als Knotenpunkt innerhalb des Netzwerkes von Vogelschützer*innen wird thematisiert. Das zweite biografische Fragment widmet sich Eugen Hähnle, dem ältesten Sohn Lina und Hans Hähnles. Eugen Hähnle war wie sein Vater parteipolitisch aktiv und im selben Wahlkreis 1912–1918 Reichstagsmitglied, jedoch für eine andere Partei: Er war Mitglied der Fortschrittlichen Volkspartei (FVP). Laut Rosebrock sind nur wenige Wortmeldungen von Eugen Hähnle überliefert. Nach dem Ende des Kaiserreiches war Eugen Hähnle im Parlament der Weimarer Republik nicht mehr vertreten. Die dritte betrachtete Generation stellt beispielhaft Hans Otto Hähnle dar. Er war Sohn von Otto Hähnle (zweiter Sohn von Lina und Hans) und führte zunächst die Familientradition der „klassischen Themen des Naturschutzes“ (S. 88) fort. Ab den 1980er Jahren veränderte sich sein Engagement jedoch immer mehr hin zu aktuellen Umweltproblemen (ebd.). So war Hans Otto Hähnle aktiv in der Anti-AKW-Bewegung und nutzte hierfür sein Netzwerk – auch in evangelischen Kirchenkreisen. Alle drei vorgestellten Personen zeigen durchaus die demokratischen Verbindungen und Ansichten von (einigen) Akteur*innen im Tier-, Vogel- und Umweltschutz auf – wenn der Fokus auf das politische und soziale Engagement erweitert wird und nicht beim Naturschutz stehen bleibt.

Einem weiteren Vertreter der Familie Hähnle widmet sich Anita Binder in ihrem Beitrag zu Hermann Hähnle, dem vierten Sohn von Lina und Hans Hähnle. Schon früh begeisterte er sich für Natur*, Technik und Sport, er fuhr Ski, wanderte gern und war Mitglied in verschiedensten Vereinen. Zudem begeisterte er sich vermehrt für das neue Medium Film und verband es mit seinen weiteren Anliegen und Neigungen. So gelang es ihm 1902 als erster filmische Aufnahmen freilebender Tiere zu machen (S. 99). Immer wieder nutzten Hähnle und der Bund für Vogelschutz das Medium Film, um auf ihre Ziele aufmerksam zu machen – so konnte Hermann Hähnle seine beiden Passionen miteinander verbinden, beispielsweise in verschiedenen Lehrfilmen für den Bund für Vogelschutz. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde Hermann Hähnle zum stellvertretenden Vorsitzenden des Reichsbund für Vogelschutz gewählt. „Eine Einschätzung seiner Rolle im Reichsbund für Vogelschutz und eine Bewertung seiner persönlichen Aktivitäten während der NS-Zeit müssen offen bleiben, da hierzu kaum aussagefähige Quellen vorliegen“ (S. 107). Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Bund für Vogelschutz – verbunden mit allen Schwierigkeiten – unter seinem Vorsitz wiederaufgebaut. Die Methode der Mitgliederwerbung durch Filme trägt dabei deutlich die Handschrift Hermann Hähnles. Bis ins hohe Alter blieb Hähnle aktiv – sowohl beruflich als auch als Vogelschützer. Er starb im Jahr 1965 und hinterlässt eine Filmsammlung, die im österreichischen Filmarchiv gelagert wird.

Weiter spannt Hans-Werner Frohn den Bogen seiner Betrachtung, wenn er auf eine „Spurensuche nach demokratischen, sozialpartizipativen bzw. -emanzipatorischen Konzepten des bürgerlichen Naturschutzes 1898–1980“ (S. 113) geht. In einem der umfangreichsten Beiträge des Sammelbandes zieht Frohn eine große Linie. Er widmet der Begrifflichkeit „Volk“ einige einführende Worte und beschreibt auch den Wandel in der Wahrnehmung dieses Konzeptes. So nutzten auch frühe Vertreter*innen des demokratischen Naturschutzes das Konzept „Volk“ – jedoch mit anderen Zuschreibungen als die Vertreter*innen aus dem „völkisch-rassistischen“ Lager.  Auf das Selbstverständnis vieler Naturschutzakteur*innen als „unpolitisch“ (ebd.) weist der Beitrag hin.  Er zeigt zudem verschiedenste Facetten der sich entwickelnden Bewegungen für Naturschutz und deren Niederschlag in politischen Debatten. So wird ein Antrag des linksliberalen Abgeordneten Wilhelm Wetekamp thematisiert, der quasi als Startschuss für die parlamentarische Auseinandersetzung mit dem Themenfeld Naturschutz gesehen werden kann. In Preußen entwickelten sich Stück für Stück Ansätze, die auf einen staatlichen Naturschutz hinauslaufen sollten. In der Gründungsphase dieser staatlichen Stelle wurde jedoch ein interner Regierungskompromiss erwirkt, der auf eine staatliche Finanzierung einer Stelle verzichtete – Naturschutz sollte ehrenamtlich betrieben werden. Hugo Conwetz wurde 1906 der Kopf zur Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen. Conwetz agierte folgend vor allem als politischer Lobbyist für den Naturschutz. Die Erfolge sollten jedoch bescheiden bleiben. Die Erkenntnis, dass Natur- und Umweltschutz nur auf einer großen Basis zu machen seien, veränderte vor allem das Auftreten zivilgesellschaftlicher Akteur*innen. Auch hier begegnet uns wieder der Begriff „Volk“ – in einer Richtung, die eher darauf abzielt, möglichst viele Menschen anzusprechen und das Anliegen auf möglichst großer Basis aufzustellen. Der amtliche Naturschutz ging andere Wege, vor allem nach dem ersten Weltkrieg. Die Gleichschaltung der Naturschutzverbände (ohne erkennbare Widerstände, mit Ausnahme der Naturfreunde) und deren Rolle im „Dritten Reich“ bilden einen weiteren Schwerpunkt von Frohns Beitrag. Die Nachkriegsgeschichte und die Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus erhalten kein positives Urteil von Frohn: „KEIN [herv. im Or.] demokratischer Neubeginn nach 1945“ (S. 134). Die Akteur*innen blieben größtenteils weiter aktiv, eine Demokratisierung der Verbände war dabei nicht erwünscht. Naturschutz war (wieder) unpolitisch und verlief quer zu den politischen Ideen – so zumindest einige, wenn nicht die meisten, Vertreter*innen des organisierten Naturschutzes. Dass ausgerechnet durch Verbindungen zu alten NS-Naturschützer*innen Ideen entstehen sollten, die zumindest eine Neuausrichtung des Naturschutzes andeuten, scheint auch laut Frohn „erklärungsbedürftig“ (S. 137).  Hans-Werner Frohn kommt zu dem Ergebnis: „Ein genuin demokratisch ausgerichteter Naturschutz lässt sich also, so das Ergebnis dieses Zwischenbefundes, nur für einen kleinen Teil des Naturschutzes zur Zeit der Weimarer Republik ausmachen. […] Eine durchgreifende Demokratisierung in der Tiefe erlebte […] Naturschutz erst in den 1970er und 1980er Jahren“ (S. 142).

Auf eine dieser „Vergessenen Traditionen“ (S. 147) weist Ute Hasenöhrl im abschließenden Beitrag des Sammelbandes hin. Sie widmet sich dem „Touristenverein >Die Naturfreunde< und de[m] proletarische[n] Naturschutz“ (ebd.). Der Verein (1895 in Wien gegründet) wurde als Gegenstück zum bürgerlichen Naturschutz inszeniert. Hasenöhrl zeichnet die Entwicklung und Aktivitäten des Vereins und seiner Ortsgruppen im Groben nach. Sie stellt dabei heraus, dass ein zentrales Motiv das „soziale Wandern“ gewesen ist. Dabei wurden zwei Punkte sozialdemokratischer Prägung des Vereins deutlich: Zum einen konnte durch das Wandern ein Ausgleich zur harten Lohnarbeit präsentiert werden, zum anderen konnte die Bevölkerung außerhalb der Städte durch Die Naturfreunde mit sozialdemokratischen Ideen in Berührung kommen. Im Gegensatz zu vielen anderen Organisationen aus dem Bereich Naturschutz ist bei den Naturfreunden keine Einbindung in das NS-Regime nachweisbar – ganz im Gegenteil: „Eine Naturfreunde-spezifische Widerstandstätigkeit war der Grenzdienst im Gebirge, bei der Bergsteiger Informationen und Menschen über unkontrollierte Bergwege schmuggelten“ (S. 152). Auch in der Nachkriegszeit sollten Die Naturfreunde eine Ausnahme innerhalb des Naturschutzspektrums bleiben. Ihr Themenspektrum war um vieles breiter und orientierte sich an gesellschaftlichen Debatten. In den 1950er und 1960er Jahren hatten Die Naturfreunde eine „Scharnierposition zwischen traditioneller Arbeiter- und neuen Protestbewegungen“ (S.157). Im Zuge der Ausdifferenzierung Neuer Sozialer Bewegungen im Nachgang der 68er-Bewegung verloren Die Naturfreunde jedoch diese Position. Dass für den Abschluss ein Beitrag über eine explizit demokratisch, sozialdemokratisch (bis sozialistisch) verortete Organisation gewählt wurde, macht durchaus Mut auf weiteren Spurensuchen nicht nur auf braune Wurzeln der Tier-, Umwelt- und Vogelschutzbewegungen zu treffen.

Die Beiträge des vorgestellten Sammelbandes zeichnen sich alle durch die Offenheit und Breite der Betrachtung der Geschichte des Natur- und Vogelschutzes aus. Die Spurensuche nach demokratischen Wurzeln im Naturschutz kann hier – und das machen die Autor*innen deutlich – durch einen neuen Zwischenstand ergänzt werden. Die Offenheit zeigt sich vor allem daran, dass trotz des Schwerpunkts auf demokratische Wurzeln im Naturschutz die nationalistischen, völkischen und rassistischen Perspektiven sowie die Verstrickungen einzelner Akteur*innen und Verbände in den Nationalsozialismus ausgiebig und kritisch thematisiert werden. Diese Herangehensweise könnte und sollte meines Erachtens auch für die Aufarbeitung der Geschichte der Tierrechts-/ Tierbefreiungsbewegungen gelten. Dadurch kann ein erweiterter Blick auf die eigene Bewegung genommen werden, der auch rechte, völkische oder andere menschenverachtende Positionen innerhalb der eigenen Bewegung freilegen kann, um diese zu analysieren und diesen vorzubeugen. Die Problemlage der teils schwer auffindbaren und nicht-gesichteten Quellenbestände macht die schwierige Arbeit bei der Betrachtung von Verbands- und Bewegungsgeschichte deutlich – sicherlich auch ein Phänomen, mit dem sich Interessierte an der Geschichte der Tierrechts-/ Tierbefreiungsbewegungen beschäftigen müssen. Inhaltlich interessant für die Erforschung der Geschichte der Tierrechts-/ Tierbefreiungsbewegungen und deren Vorläufer*innen sind die im Sammelband vorgestellten Verbindungen und Netzwerke von Lisa Hähnle und dem Bund für Vogelschutz unter anderem mit frühen Vertreter*innen des Tierschutzes (z.B. Knapp) in Deutschland. Für die aktuelle Ausgabe der TIERBEFREIUNG mit dem Titelthema „Ökologisch leben – Für eine Zukunft aller Lebewesen“ bietet sich der Band ebenfalls an: Vogelschutz scheint eine Schnittstelle zwischen frühen Natur- und Tierschutzbestrebungen gewesen zu sein. Kampagnen gegen das Tragen von Federn als Mode-Accessoires standen ebenso auf dem Programm des Bundes für Vogelschutz wie das Anlegen von Naturschutzgebieten als Lebensraum für Vögel und andere nichtmenschliche Tiere. Der Sammelband selbst gibt zwar keine direkten Einblicke in die praktische Methodik des Vogelschutzes (z.B. Nisthilfenbau), diese sollten sich jedoch in den Quellenbeständen des Bundes für Vogelschutz finden lassen. Es bleiben also noch viele Spuren zu verfolgen. Die vorgestellte Publikation bietet bereits einige dieser Spuren an: Viel Spaß beim Suchen und Finden!