Fröhliche Wissenschaft (Doppelrezension)

Iris Därmann, Hilal Sezgin, Clemens Wischermann, Viktoria Krason (Hrsg.), Christoph Willmitzer (Hrsg.):
Tierisch beste Freunde – Über Haustiere und ihre Menschen
Matthes & Seitz, Berlin, 2017 (Reihe Fröhliche Wissenschaft, Band 125)
ISBN: 978-3-95757-481-7

Jean-Christophe Bailly:
Der Blick der Tiere
Matthes & Seitz, Berlin, 2020 (Reihe Fröhliche Wissenschaft, Band 156)
ISBN: 978-3-95757-713-9

Fröhliche Wissenschaft ist eine Reihe der Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH, in der mittlerweile knapp 200 Werke erschienen sind. Im handlichen Format werden hierin diverseste Themenfelder unterschiedlichster Disziplinen besprochen. Zwei der Werke sollen hier vorgestellt werden.

Beginnen wir mit Tierisch beste Freunde – einem Buch, das 2017 von Viktoria Krason und Christoph Willmitzer herausgegeben wurde und Texte von Iris Därmann, Hilal Sezgin und Clemens Wischermann beinhaltet. Es handelt sich hierbei um eine Publikation anlässlich der Sonderausstellung „Tierisch beste Freunde. Über Haustiere und ihre Menschen“ des Deutschen Hygiene-Museums, die von Oktober 2017 bis Juli 2018 in Dresden zu sehen war. Nach einem kurzen Einleitungstext der Kurator*innen der Ausstellung, die gleichzeitig die Herausgeber*innen des Buches sind, folgen im Hauptteil drei Beiträge mit unterschiedlichen Perspektiven auf Haustiere. Der erste Beitrag „Haustiere und Tierfreunde – Über Nähe und Ferne von Menschen und Tieren“ von Iris Därmann beschäftigt sich mit Freundschafts-, Loyalitäts- und Dienstbarkeitspolitiken zwischen Menschen und anderen Tieren im 18. und 19. Jahrhundert. Sie greift damit die Mensch-Tier-Beziehung einer Zeit auf, die später auch die Mensch-Haustier-Beziehung prägen wird. Der zweite Beitrag „Zwischen ‚Vieh‘ und ‚Freund‘ – Historische Annäherungen an das Selbst eines Tieres“ von Clemens Wischermann untersucht den sozialhistorischen Wandel des Tier*-Verständnisses vom Tier als „Vieh“ zum Tier als „Freund“. Er gibt dabei Einblicke in die Entwicklung der Disziplin Tiergeschichte („Animate History“), in Agrargeschichte und die Entwicklung der Tierindustrie, aber auch in die Geschichte der Mensch-Tier-Verhältnisse der Moderne und den Beginn der Tierschutzbewegung. Darüber hinaus werden auch Theorien um Dekonstruktion, Agency und soziologischen Interaktionismus bei Mensch-Haustier-Beziehungen debattiert sowie Zusammenhänge zwischen Haustieren und Kindheitskonstruktionen thematisiert. Abschließend wird eine „neue Beziehungsgeschichte von menschlichem und tierlichem Leben“ gezeichnet, die die Frage nach einem gesellschaftlich legitimen Umgang mit Tieren stellt. Der dritte Beitrag „‘Tiere sind meine Freunde‘ – Wirklich? Ethische Überlegungen zur Haustierhaltung“ von Hilal Sezgin widmet sich schließlich gegenwärtigen Fragen der Mensch-Haustier-Beziehung aus tierethischer Perspektive. Dazu werden zunächst verschiedene Widersprüche benannt, wie beispielsweise Tiermedizin vs. Tierversuche oder Haustierliebe vs. Fleischkonsum oder auch Tierrechte vs. Speziesismus. Aufbauend darauf findet eine ethische Problematisierung der Haustierhaltung statt – es geht um Nutzen und Ausbeutung, um Machtverhältnisse, Besitz und Vermenschlichung sowie um Paternalismus und Aporien, also unlösbare ethische Konflikte. Alles in allem gibt das Buch spannende Einblicke in die Mensch-Haustier-Beziehung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus verschiedenen historischen und ethischen Perspektiven. Dabei werden immer wieder auch Zusammenhänge zu anderen Tieren, beispielsweise „Nutztieren“ oder „Versuchstieren“ hergestellt, um die bestehenden Widersprüche unserer Mensch-Tier-Beziehungen aufzuzeigen und zu problematisieren. Die einzelnen Beiträge sind allesamt Einführungstexte, die sich gut lesen lassen und sehr verständlich geschrieben sind. Das Buch sei daher allen sehr empfohlen, die sich mit der Beziehung von Menschen und anderen (Haus-)Tieren sowie deren Entwicklung seit dem 18. Jahrhundert beschäftigen wollen.

Ganz anders ist hingegen Der Blick der Tiere geschrieben, das 2020 – von Michael Kleeberg aus dem Französischen übersetzt – erschien. Statt wissenschaftlicher Einführungstexte erwartet den*die Leser*in hier ein philosophisch-poetischer Einzelbeitrag von Jean-Christophe Bailly. Den Ausgangspunkt bildet hierbei ein vor dem Autor in seinem Auto flüchtendes Reh im Wald. Daraufhin widmet sich Bailly der Frage, wo die Grenze zwischen der Welt (oder den Welten?) von Menschen und anderen Tieren verläuft bzw. ob diese Grenze wirklich besteht. Entlang dieser Frage philosophiert er über verworrene und widersprüchliche Mensch-Tier-Beziehungen, unser Denken und Sprechen über Tiere, unseren Umgang mit Tieren und unser Verhältnis zu (Wild-)Tieren. Neben dem Zusammenhang von Tier- und Menschheitsgeschichte wird dabei insbesondere auch die Vielfältigkeit der Mensch-Tier-Verhältnisse (beispielsweise Tiere als Gefährten, Rivalen, Opfer, Beute, „Sklaven“ und Versuchsobjekte) thematisiert. Schließlich kommt er zu dem Fazit, dass Menschen und andere Tiere dieselbe Welt bewohnen, dass die Herrschaft des Menschen über die Tiere eine Illusion des Menschen ist, dass Menschen anderen Tieren Grausames antun und dass die Tiere den Menschen überlegen sind. Das Buch gibt damit spannende Einblicke in eine tierphilosophische Perspektive. Man muss hochphilosophische Texte allerdings mögen, um dieses Buch lesen und verstehen zu können – am besten sollte der*die Leser*in auch ein gewisses philosophisches Grundwissen haben. Das Buch kann daher nur eingeschränkt empfohlen werden.