Zwischen Medienarbeit und Emanzipation

Hedwig A. Lindholm (Hrsg.):
Handbuch Pressearbeit – Soziale Bewegungen schreiben Geschichte*n
Unrast-Verlag, Münster, 2020
ISBN: 978-3-89771-289-9

140 Seiten voll gepackt mit Erfahrungen, Tipps und auch Fragen rund um die Themen Medien- und Pressearbeit, Selbstreflexionen und gesellschaftliche Strukturen. Hedwig A. Lindholm gibt im Handbuch Pressarbeit aus dem Unrast-Verlag einen Einblick in ihre Arbeitsweisen innerhalb der Pressestrukturen von Ende Gelände. In vier größeren Teilen werden Erfahrungen aus der eigenen Pressearbeit von Ende Gelände sowie einiger anderer Organisationen oder Strukturen mit den Lesenden geteilt. Wer ein einfaches „So müsst ihr es machen!“ erwartet wird enttäuscht werden. Wer jedoch – und das ist m.E. für eine politisch-emanzipatorische Perspektive wichtig – aus den Erfahrungen anderer lernen möchte, wird sich freuen, dieses kleine, aber inhaltlich schwere Büchlein in der Hand zu halten.

Hedwig A. Lindholm ist nicht etwa eine* Aktivist*in, sondern viele. Sie alle waren Teil der Pressearbeit des Bündnisses Ende Gelände und teilen ihre Erfahrungen und Reflexionen mit uns. Nach einem Vorwort folgt ein kurzes Kapitel mit dem Titel Können Sprechblasen die Welt retten? Oder: Warum wir Pressearbeit machen. Hier stellen die Aktivist*innen ihre Motivation für Pressearbeit heraus – ein wichtiger Punkt scheint mir dabei die Erkenntnis, dass Gesellschaften auch von Geschichten leben und Medienarbeit ein Teil sein kann, um „unsere“, also emanzipatorische Geschichten zu erzählen. Die Frage, wie überhaupt eine Geschichte erzählt werden kann, so dass sie auch gehört wird, ist Inhalt des ersten Teils. In Eine Geschichte finden und sie erzählen – konzeptionelle Überlegungen werden einige theoretische Aussagen getroffen, warum Geschichten wichtig sind – auch für Veränderungsprozesse. Da das Buch aber auch immer darauf abzielt, Menschen zu motivieren selbst Presse- und Medienarbeit zu machen, werden im ersten Teil bereits einige Tipps zum Formulieren eigener Geschichten geboten – wie können „Kernbotschaften“ gefunden und vermittelt werden? Auch Vorbereitungstipps für Interviews werden mit „Antwortbausteine und Krisenwording“ gegeben. Der zweite Teil des Buches widmet sich den praktischen Tipps, die aus der Erfahrung der Autor*innen abgeleitet werden und trägt den pragmatischen Titel Die praktische Pressearbeit. In diesem Teil wird die Bandbreite der Arbeit mit Presse bzw. Medien aufgezeigt. Von der Organisation der eigenen Gruppe über Tipps für Pressemitteilungen, Presseverteiler und Pressespiegel bis hin zum (Live-)Interview mit der Presse finden sich hier die wichtigsten Punkte der Pressearbeit thematisch wieder. Neben den klassischen Medien (Zeitung, Radio, Fernsehen) werden aber auch die Vor- und Nachteile neuer sozialer Medien angesprochen und die Erfahrungen aus der Arbeit mit Ende Gelände geteilt. Überhaupt ein großes Plus am Handbuch Pressearbeit: Stets werden auch die Fallstricke und Stolpersteine sowie die eigene soziale Positionierung als Sprecher*innen für eine Bewegung oder Kampagne thematisiert. Der dritte Teil des Buches ist dementsprechend auch der Reflexion der eigenen Arbeit gewidmet, die anderen Lesenden helfen kann, eigne Macht- und Herrschaftsstrukturen in den eigenen Strukturen und der Gesellschaft besser zu erkennen und abzubauen. Viele der hier vorgestellten Erfahrungen und Einblicke können weit über das Thema Pressearbeit hinaus von Aktivist*innen genutzt werden. Die Frage nach dem Spannungsfeld eigener emanzipatorischer Ansprüche einerseits und kapitalistischer Medienlogik andererseits wird von den Autor*innen ebenso aufgegriffen wie die Frage nach der Sprechenden-Position. Auch die aus der Arbeit bei Ende Gelände gemachten Erfahrungen zu einer möglichen Transformation der Pressearbeit, die mehrere Sprecher*innen und damit Perspektiven sichtbar macht, werden transparent gemacht. Der Umgang mit Hass und Sexismus, der aufgrund der medialen Aufmerksamkeit, den eine Pressesprecher*in erhalten kann, zustande kommen bzw. im Umgang mit Medienvertreter*innen vor allem Frauen* entgegenschlagen kann, wird thematisiert und es werden mögliche Umgangsstrategien vorgestellt. Dass das Handbuch Pressearbeit kein „So musst du es machen“-Buch ist, sondern ein Büchlein, das einen Ist-Stand auf einem Weg zur Transformation der Pressearbeit (und der Welt) beschreibt, zeigt auch der vierte Teil. Hier werden insgesamt fünf Gastbeiträge versammelt, die weitere Facetten der Presse- und Medienarbeit aus eigener Erfahrung schildern: Von den gesellschaftlich ungehörten Stimmen von geflüchteten Frauen* über die Geschichten der Oranienplatz-Besetzung durch Geflüchtete bis hin zu Botschaften für Anliegen aus anderen Weltregionen werden hier eigene Presse- und Medienerfahrungen geschildert.

Das Handbuch Pressearbeit ist eine gute Helfer*in für den Einstieg in die Pressearbeit für politische Kampagnen oder Bewegungen. Es ist erfrischend ehrlich und zeigt immer wieder die Vor- und Nachteile einzelner Arbeitspunkte auf. Bei der Lektüre wird klar, dass Pressearbeit ein wichtiger Teil politischer Arbeit ist und nicht losgelöst von anderen Teilen dieser gedacht werden sollte – vor allem, weil in unseren Gesellschaften Geschichten so wichtig sind. Weiterhin – und dies machen die Autor*innen sehr deutlich – ist auch die eigne Pressegruppe nie frei von gesellschaftlich geprägten Sexismen, Rassismen und anderen Macht- und Herrschaftsstrukturen. Daher bedarf es einer stetigen Reflexion der eigenen Arbeit und Person. Auch wenn das Buch kein „So musst du es machen“-Buch ist, sind doch jede Menge Tipps und Vorschläge versammelt, die für die eigene politische Arbeit herangezogen und verändert werden können. Das Buch ist stets gut lesbar und kann immer wieder als kleine Hilfestellung bei der nächsten politischen Kampagne herangezogen werden. Das Handbuch Pressearbeit von Hedwig A. Lindholm sollte sich m.E. in vielen Handapparaten politischer Gruppen wiederfinden.